Wer ist dieser Mensch in meinem Kinderzimmer – und warum antwortet er nur noch mit „weiß nicht“?
- lindalauenroth
- 1. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. März
Warum Jugendliche plötzlich nichts mehr erzählen und Eltern trotzdem wichtig bleiben

Es passiert schleichend.
Nicht an einem bestimmten Tag.
Nicht nach den Sommerferien.
Und auch nicht exakt mit dem 12. Geburtstag.
Aber irgendwann stehst du in der Küche, dein Kind kommt nach Hause,
läuft an dir vorbei, murmelt ein „Hi“,
verschwindet im Zimmer — Tür zu.
Früher sah das anders aus.
Früher hast du Dinge gehört wie:
„Mamaaa, weißt du, was heute passiert ist?!“
(und du wusstest danach wirklich ALLES. Auch Dinge, die du eigentlich gar nicht wissen wolltest.)
Heute bekommst du:
„Wie war Schule?“– „Gut.“
„Was habt ihr gemacht?“– „Nichts.“
Herzlichen Glückwunsch.
Du bist offiziell in der Pubertät angekommen.
Und viele Eltern sitzen dann bei mir und sagen einen der häufigsten Sätze überhaupt:
„Ich komme gar nicht mehr an mein Kind ran.“
Der Moment, der Eltern wirklich verunsichert
Es ist nicht das Handy.
Nicht TikTok.
Nicht die neuen Freunde.
Es ist dieses Gefühl:
Mein Kind lebt noch hier — aber ich bekomme nichts mehr mit.
Und das macht Eltern nicht wütend.
Es macht sie unsicher.
Denn vorher warst du die wichtigste Bezugsperson.
Jetzt bekommst du Informationen ungefähr auf dem Niveau eines WG-Mitbewohners.
Und natürlich reagiert man dann.
Sehr menschlich übrigens.
Was Eltern dann verständlicherweise tun
Du fragst mehr.
Du fragst genauer.
Du fragst kreativer.
„Und? Wie geht’s dir wirklich?“
„Du kannst mir alles erzählen.“
„Ist irgendwas passiert?“
„Ich merk doch, dass was ist!“
Oder die fortgeschrittene Variante:
„Du warst früher ganz anders…“
Und jetzt passiert etwas sehr Interessantes:
Je mehr Eltern versuchen, das Gespräch zu öffnen, desto kürzer werden die Antworten.
Das wirkt unlogisch — ist aber psychologisch ziemlich logisch.
Was in Jugendlichen gerade passiert
Pubertät ist keine Trotzphase.
Pubertät ist ein Umbau.
Und zwar keiner mit neuer Tapete, sondern Kernsanierung bei laufendem Betrieb.
Jugendliche müssen plötzlich Dinge lernen, die vorher nicht nötig waren:
eigene Gedanken entwickeln
sich von Eltern innerlich lösen
vor Gleichaltrigen bestehen
sich selbst einordnen („Bin ich okay so?“)
Und jetzt kommt der wichtige Punkt:
Jugendliche denken mehr über sich nach als jemals zuvor.
Aber sie reden weniger darüber.
Warum?
Weil sie es selbst noch gar nicht sortiert haben.
Wenn du einen 14-Jährigen fragst:
„Was ist los?“
ist die ehrliche Antwort oft tatsächlich:
„Ich weiß es selbst nicht.“
Das Problem:
Eltern interpretieren Schweigen als Ablehnung.
Jugendliche erleben Fragen als Druck.
Und so beginnt ein Kreislauf.
Der klassische Gesprächsverlauf (du wirst ihn erkennen)
Eltern: „Du kannst doch mit mir reden.“
Jugendlicher:„Ja.“
(= nein)
Eltern: „Früher hast du mir alles erzählt.“
Jugendlicher: Augenrollen.
Eltern: „Dann mach doch, was du willst!“
Jugendlicher: macht exakt das
Eltern danach: „So war das nicht gemeint!“
Das ist kein Erziehungsproblem.
Das ist ein Beziehungs-Missverständnis.
Der Fehler, den fast alle guten Eltern machen
Gute Eltern wollen helfen.
Und Hilfe bedeutet für Erwachsene: reden, verstehen, erklären, Lösungen finden.
Für Jugendliche bedeutet Hilfe aber oft etwas anderes:
nicht bewertet werden.
Viele Gespräche kippen nämlich an einem Punkt:
Der Jugendliche erzählt ein kleines Stück — und bekommt sofort:
Tipps
Einschätzungen
Rückfragen
oder Beruhigungen
„Das ist doch nicht so schlimm.“
„Dann geh halt zu den anderen.“
„Du musst einfach selbstbewusster auftreten.“
Eltern meinen Unterstützung.
Jugendliche hören:
„Du machst es falsch.“
Und beim nächsten Mal erzählen sie lieber gar nichts mehr.
Nicht aus Trotz.
Sondern aus Selbstschutz.
Warum Rückzug nicht automatisch ein Alarmzeichen ist
Das ist mir wichtig:
Rückzug in der Pubertät ist erstmal normal.
Jugendliche lösen sich innerlich von den Eltern, um eine eigene Identität aufzubauen.
Dazu gehört, dass nicht mehr alles zu Hause besprochen wird.
Das Ziel eines Jugendlichen ist nämlich nicht:
ein gut erklärtes Kind zu bleiben.
Sondern:
eine eigenständige Person zu werden.
Und dafür braucht es Abstand.
(Eltern finden diesen Teil meist deutlich weniger schön als das Laufenlernen damals.)
Wann du genauer hinschauen solltest
Nicht das Schweigen allein ist entscheidend.
Sondern die Veränderung dahinter.
Schau genauer hin, wenn dein Kind:
dauerhaft gereizt oder sehr niedergeschlagen wirkt
sich komplett zurückzieht
Aktivitäten aufgibt, die ihm früher wichtig waren
Schlaf massiv verändert
Schule plötzlich stark meidet
oder nur noch im Zimmer lebt
Dann geht es oft nicht mehr nur um Entwicklung — sondern um Überforderung.
Und genau dann kommen viele Familien zu mir.
Was Jugendlichen tatsächlich hilft
Überraschend selten: lange Gespräche am Küchentisch.
Hilfreicher sind oft kleine Dinge:
nicht jedes Verhalten sofort interpretieren
nicht jede Stimmung persönlich nehmen
Gesprächsangebote ohne Erwartungsdruck
und manchmal schlicht gemeinsam etwas tun, ohne zu reden
Viele gute Gespräche entstehen übrigens nicht beim Gegenübersitzen.
Sondern beim Autofahren, Spazierengehen oder nebenbei Pizza essen.
Warum?
Weil Jugendliche sich leichter öffnen, wenn sie sich nicht beobachtet fühlen.
Und noch etwas:
Jugendliche reden eher, wenn sie das Gefühl haben, dass sie auch schwierige Gedanken äußern dürfen, ohne dass sofort eine Lösung gesucht wird.
Manchmal wollen sie nicht, dass du das Problem löst.
Sie wollen nur merken, dass sie mit ihren Gedanken nicht alleine sind.
Und wenn es festgefahren ist?
Manchmal merken Eltern:
Wir versuchen alles — und trotzdem eskaliert jedes Gespräch oder findet gar nicht mehr statt.
Dann liegt das selten daran, dass Eltern etwas „falsch gemacht“ haben.
Oft haben sich einfach Rollen eingeschlichen:
Der eine fragt, der andere blockt.
Der eine sorgt sich, der andere fühlt sich kontrolliert.
Von außen kann es dann leichter sein.
Nicht, weil jemand die besseren Tipps hat.
Sondern weil Jugendliche in einem neutralen Raum oft anders sprechen können — ohne Angst, ihre Eltern zu verletzen oder bewertet zu werden.
Wenn du also das Gefühl hast, du erreichst dein Kind kaum noch oder Gespräche enden nur noch in Streit oder Schweigen, darfst du dir Unterstützung holen.
Manchmal reicht schon ein neuer Blickwinkel, damit sich wieder etwas bewegt.
Und keine Sorge:
Die allermeisten Jugendlichen reden.Nur oft nicht dort, wo Eltern es am meisten erwarten — am Küchentisch um 19:30 Uhr 😉



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